Informationsarchitektur – Acht auf einen Streich

Umfangreiche Internetangebote werfen eine sehr wichtige Frage auf: Wie sollen die Inhalte strukturiert werden? Dass das nicht immer ganz leicht ist, zeigt das folgende Beispiel. Es handelt sich bei der Website um ein Angebot des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Im Speziellen dreht es sich um EU-gestützte Förderangebote zum Arbeitsmarkt.

Versuchen Sie es selbst…

Lassen Sie uns einen Versuch starten. Geben Sie in einer Suchmaschine (ich habe das mit G… getestet) die Suchbegriffe „EU fördert Niedersachsen“ ein. Schnell landen Sie auf http://www.eu-foerdert.niedersachsen.de (neues Fenster). Der Link öffnet ein neues Fenster. So können Sie die nachfolgenden Navigationsschritte selbst besser nachvollziehen.

Zuerst sehen wir die Startseite. Auf die Qualität der grafischen Gestaltung möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Unser besonderes Interesse gilt der Rubrik „EU-Strukturfondsprogramme 2007-2013“. Wir klicken auf diesen Link. Die Rubrik wird geöffnet und die Unterangebote werden in der Navigation aufgelistet. Nun klicken wir uns in die „ESF-Förderung 2007-2013“. Was geschieht nun? Ich war wirklich überrascht. Der übergeordnete Navigationsbaum wird ausgeblendet, und es werden nur noch die ab hier verfügbaren Unterebenen angezeigt. Wie problematisch das ist, zeigt sich erst, wenn man wieder zurück navigieren möchte. Der übergeordnete Baum fehlt als Orientierungshilfe, und einen Link „Eine Ebene höher gehen“ gibt es auch nicht. Stattdessen wird lediglich der Titel des übergeordneten Bereichs als Link angeboten. Hierüber gelangt man wieder zurück… wenn man sich daran erinnert, dass man via „EU-Strukturfondsprogramme 2007-2013“ hierher gelangt ist. Das erfordert eine hohe kognitive Leistung, die besonders ob der fachlichen Komplexität des Internetangebots nicht jedem Besucher gelingt. Es wird dem Besucher also wirklich schwer gemacht, sich die Informationen ohne Um- oder Irrweg zu erschließen. Das wird natürlich auch durch die verwaltungs-orientierte Sprache erschwert. Die einzelnen Förderangebote liegen übrigens noch eine Ebene tiefer.

Dann also die Reißleine…

Hat man sich verlaufen, hilft ja normalerweise ein Klick auf das Logo der Website und man kommt zu dem Ausgangspunkt (Home) der Seite zurück. Man beginnt einfach von vorn – auch auf die Gefahr hin, dass man nur mit einigen Klicks wieder zur gewünschten Stelle findet. Versuchen Sie es! Lost! Sie landen nämlich auf der Startseite des Ministeriums, und die liegt mehrere Ebenen oberhalb des von Ihnen anfangs besuchten EU-Förderangebots. Das merkt man aber nicht unbedingt sofort. Achten Sie mal auf den URL. Er lautet immer noch eu-foerdert.niedersachsen… und nicht www.mw.niedersachsen.de (neues Fenster), welches die eigentliche Seite des Ministeriums ist. Der URL vermittel so den Eindruck, Sie seien immer noch innerhalb der ursprünglichen angebrowsten „Themen-Domain“. Das ist aber gar nicht der Fall. Wir sehen hier also auch noch ein Problem des zugrunde liegenden Content Mangement Systems. Finden Sie wieder zu den EU-Strukturfonds?

Informationsarchitektur in acht Ebenen

Das Problem dieser Site ist in ihrer Struktur begründet. Sie erstreckt sich sage und schreibe über acht Ebenen. Da sich eine derart gewaltige Hierarchie nicht vernünftig in einem Navigationsbaum darstellen lässt, wird die Navigation an verschiedenen Stellen aufgebrochen. In der nachfolgenden Grafik sind diese durch Ovale dargestellt. Dadurch reduziert sich zwar der Umfang der linken Navigation. Doch geht dabei die Orientierung verloren. Die oben auf jeder Seite zu findende Pfad-Navigation (Bread Crumb) kann das nicht kompensieren.

Schematischer Aufbau der Website in acht Ebenen

Schematischer Aufbau der Website in acht Ebenen

Optimierungsansatz

Wie könnte man das Problem lösen?

  • Trennung des Förderangebots von der Hauptseite des Mnisteriums.
  • Nutzerorientierte Sprache.
  • Interaktive Nutzerführung durch einen Frage-Antwort-Assistenten.
  • Einheitliche Trennzeichen im Domainnamen.

Wenn man das EU-Förderprogramm komplett aus der Ministeriumsseite heraustrennt, kann man das Programm als eigenständige Leistung mit wenigen Hierarchiestufen präsentieren. Es wäre wegen des geringeren Umfangs besser zu erfassen und der Irrweg zur Hauptseite des Ministeriums wäre ausgeschlossen.

Wer bei dem Ministerium Fördermöglichkeiten sucht, hat es zweifelsohne mit der öffentlichen Verwaltung zu tun. Muss aber der Eindruck vermittelt werden, man würde sich dem Kampf mit den Windmühlen eines Verwaltungsapparats stellen? Die so häufig beschworene Bürgernähe sollte hier durch eine allgemeinverständliche Sprache Ausdruck finden. Die Gliederung ließe sich bestimmt durch ein/zwei Card Sorting-Sitzungen optimieren.

Zusätzlich könnte man durch einen Frage-Antwort-Assistenten gezielt den Förderbedarf des Besuchers abfragen und ihn so ohne Umwege zum passenden Angebot führen. Zwei beispielhafte Fragen könnten dabei vermutlich schon sehr hilfreich sein: „Was für eine Organisation vertreten Sie?“ und „Welcher Personenkreis soll gefördert werden?“ Darüber lässt sich das Informationsangebot wahrscheinlich schon um 80% reduzieren. Der Besucher findet schneller, was er sucht und kann so das Ministerium gezielter ansprechen. Dass das Ministerium auf diese Weise Kosten spart, sei nur am Rande erwähnt.

Der Domainname setzt sich aus drei Wörtern zusammen: EU, fördert, Niedersachsen. Wenn man daraus einen Domainnamen ableitet, sollte man dieselben Trennzeichen verwenden. Also nur „-“ oder nur „.“. Und nicht beides. Ich schlage den Bindestrich vor: www.eu-foerdert-niedersachsen.de

Fazit

Eine Informationsarchitektur, die sich über acht Ebenen erstreckt, ist auf die hier vorgestellte Art und Weise nicht nachvollziehbar. Es hilft nicht, dieses Problem dadurch zu umgehen, dass der Navigationsbaum an bestimmten Punkten obere Ebenen einfach ausblendet. Dadurch geht jegliche Orientierung verloren. Besser ist es, die Informationshierarchie durch gezielte Nutzerführung zu reduzieren. Die Texte sollten allgemeinverständlich formuliert und die Struktur kundengemäß aufgebaut werden. All das lässt sich mit den üblichen Usability-Methoden erreichen.

Kennen Sie ähnliche Beispiele? Lassen Sie uns diskutieren.

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2 Comments
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Christian Wenzel
Christian Wenzel
9 Jahre her

Vielen Dank für den interessanten Beitrag und die aus der Problematik geschlossenen Lösungsvorschläge. Ich hatte in der Vergangenheit auch schon desöfteren mit historisch gewachsenen sehr tiefen Informationsarchitekturen zu tun. Ein möglicher Lösungsansatz ist es auch, ausgehend von einer Basisstruktu (in der zunächst alle Inhalte strukturiert abgelegt werden) entsprechende „virtuelle“ zielgruppenspezifische Navigationsbäume zu erstellen, die sich jeweils auf die Bedürfnisse einer bestimmten Anspruchsgruppe beziehen. So kann auf dem Portal zunächst die Zielgruppe selektiert werden (z.B. „ich bin Bürger und suche Förderung“ oder „ich bin von der Presse und will mich informieren“ etc.) jeweils reduzierte Navigationswege angeboten werden, die das Gesamtangebot auf… Read more »

Bernd Lohmeyer
Bernd Lohmeyer
9 Jahre her

Hallo Herr Wenzel,

Ihren Vorschlag finde ich auch sehr interessant. Ich verstehe ihn sozusagen als Mini-Assistenten, der das Informationsangebot schon auf Basis einer einzigen Angabe einschränkt. Aber einen Aspekt darf man als Website-Betreiber auch dabei nicht vergessen: Man muss genau wissen, welche Besuchergruppen man hat, und was die jeweils sehen wollen. An einer genauen Nutzeranalyse und validierenden Usability-Methoden führt kein Weg vorbei.

Beste Grüße,

Bernd Lohmeyer