Das Web-Etwas als Eierlegendewollmilchsau

Als Berater werde ich häufig mit der Frage nach meinem Profil konfrontiert. Das ist ja auch erstmal sehr gut so. Wäre ja schlimm, wenn keiner nach mir fragte. Dann sehe ich einen Auszug aus dem Anforderungsprofil – und rolle mit den Augen.

Da wird nach einem Oberflächenentwickler gesucht, der ausgewiesene Expertise in den Bereichen Usability und Web Accessibility haben soll. Andererseits wird auch mal nach einem GUI-Designer gesucht, der von JavaScript bis php so ziemlich alles beherrscht, was an Scripting-Sprachen auf dem Markt ist. Natürlich das alles kombiniert mit zehn Jahren Erfahrung im Rational Unified Process (RUP) und UML 2.0.

Was wird da eigentlich gesucht? Die Eierlegendewollmilchsau! Keiner wird sagen, dass er das alles gleichermaßen beherrscht. Wie kommt das? Es sind Qualifikationen aus ganz unterschiedlichsten Professionen, die da zusammengeworfen werden.

Stellt Euch folgende klassische Stellenausschreibung vor:
Gesucht wird ein Zimmermann mit erwiesener Erfahrung als Möbelbauer, insbesondere Entwurf und Umsetzung von Intarsien unter Berücksichtigung konstruktiver Gebäudemerkmale.

Kein halbwegs informierter Archtekt würde eine solche Ausschreibung veröffentlichen. In der Nicht-IT-Welt scheint das ausgeschlossen. Wie sieht es aber in der IT-Welt insbesondere hinsichtlich Usability aus? Da werden die verschiedenen Qualifikation und Aufgabenbereiche von Web Designern, Frontend-Entwicklern und Usability Professionals locker zu einer Projektstelle zusammengeworfen.

Ich denke, das liegt daran, dass in der Breite der Projektplaner immer noch nicht klar ist, wer eigentlich was machen sollte. Als Usability Professional verstehe ich zwar auch etwas vom Grafikdesign einer Webseite – so ein wenig habe ich davon während des Industrial Design-Studiums mitbekommen 😉 Aber Hand auf’s Herz: Das können viele Grafik- und Webdesigner besser. Auch habe ich mir die Grundlagen von CSS angeeignet und häufig eingesetzt. Echte Webdesigner sind da aber besser. Script-Sprachen kenne ich einige – den Einsatz überlasse ich aber lieber den Zuvorgenannten. Ok, da ich im Bereich Geschäftsprozessanalyse lange unterwegs bin, ist UML mein ständiges – aber nicht immer geliebtes- Werkzeug. Aber warum sollte sich ein Webdesigner mit UML auseinandersetzen?

Ich für meinen Teil konzipiere komplexe Software-Produkte. Das sind umfangreiche Web-Anwendungen und Fachapplikationen. Dabei geht es mir um die intuitive Umsetzung fachlicher Anforderungen. Ich möchte einen Weg finden, wie diese häufig verwobenen Anforderungen so umgesetzt werden, dass die Nutzer sich auf ihren Job und ihr primäres Interesse konzentrieren können. Ehrlich gesagt: Dabei ist es mir gar nicht so wichtig, ob das Produkt dann grün, rot oder blau ist.

Einer meiner früheren Professoren sagte mal während meines Studiums: „Design ist zu 80% unsichtbar, aber, wenn es fehlt, tut es weh.“. Ich muss nachforschen, wer es war. Ich glaube es war Holger Ebert.

Mir geht es um diese unsichtbaren 80%. Woraus bestehen sie:

  • User Interaction Design –> Wie kommt der Nutzer an sein Ziel.
  • Usability Testing: Prüfen, ob er an sein Ziel kommt.
  • Und wenn nicht, geht’s wieder zurück auf LOS = Optimierung des User Interaction Designs

Meine korrekte Stellenbeschreibung wäre also User Interaction Designer oder Usability Professional. Das ist nicht dasselbe – ersteres ist aber das, was ich hauptsächlich unter letzterem betreibe. Hm, ist Usability Professional auch wieder nur ein Begriff, der zu grob ist und unter dem wir alle das verstehen, was wir gerne möchten?

Eines ist jedenfalls klar. Die Ungenauigkeit der Stellenausschreibungen bzw. der in Ausschreibungsunterlagen geforderten Profile verdeutlicht, dass Aktivitäten, Verantwortlichkeiten und Inhalte von Usability noch nicht allgemein bekannt sind. Wir Usability Professional sind bei vielen Projektverantwortlichen eben immer noch so ein Web-Etwas ;-(

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