Die Frage, ob das Glas halb leer oder halb voll ist, scheint müßig, offenbart aber ein Verständnisproblem. Und das impliziert auch ein Usability-Problem. Um genau zu sein, es ist ein Content Usability-Problem.

Doch wenden wir uns der Frage zu. Je nach dem, ob man den Füllstand des Glases als halb voll oder halb leer bezeichnet, wird man als Pessimist oder eben als Optimist beurteilt. Für den Pessimisten ist das Glas halb leer, der Optimist beschreibt es als halb voll. So scheint jedenfalls das allgemeine Verständnis zu sein.

Kürzlich führte ich eine teilweise sehr engagierte Diskussion um genau diesen Punkt. Ich konnte die Frage beim besten Willen nicht eindeutig beantworten. Irgendetwas fehlte da noch…

Ohne Kontext kein Urteil

Will man den Füllstand nicht mathematisch ausdrücken (Füllstand = 50%), muss man den Kontext betrachten. Nur im Rahmen des Kontextes kann man die Differenzierung in Pessimist oder Optimist vornehmen. Warum das? Weil beide Lebenshaltungen das Glas als halb voll bezeichnen können: „Das Glas ist nur noch halb voll.“ oder „Das Glas ist doch immer noch halb voll.“ Wie man sich denken kann, wird der Kontext hier durch den Prozess des Entleerens gebildet. Der eine befürchtet, dass vom köstlichen Getränk nur noch die Hälfte übrig ist. Der andere freut sich über den verbleibenden Rest. Dreht man den Kontext aber um -es geht dann also um das Befüllen des Glases-, tauschen die beiden Lebenshaltungen ihre Aussagen einfach gegeneinander aus. Beim Beispiel eines Trinkglases ist das nicht so deutlich. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie müssen einen Panzer mit einem 10-Liter-Kanister auftanken. Das ist harte Arbeit. Der Pessimist ärgert sich darüber, dass der Tank erst halb voll ist. Der Optimist freut sich darüber, dass der Tank schon halb voll ist.

Der Kontext wird also durch die Intention der Beteiligten definiert. Wenn wir die Intention nicht kennen, können wir nicht beurteilen, ob halb voll eine pessimistische oder optimistische Beurteilung ist. Im Deutschen wird die Beurteilung durch begleitende Worte verstärkt. „nur noch“ oder „doch immer noch“ unterstützen die Aussagen. Sie lassen die Intention aber nicht erkennen. Wenn man bezüglich des Glases halb leer als negative und halb voll als positive Sichtweise bezeichnet, so impliziert man den Kontext des Leertrinkens. Das ist aber unzulässig.

Fazit

Warum schreibe ich das hier in diesem Blog? Weil wir bei der Gestaltung von User Interfaces und besonders deren sprachlichen Inhalts eben diesen Kontext nicht aus den Augen verlieren dürfen. Ein Ticket-Management-System zur Verfolgung von Fehlerberichten wird vermutlich textlich anders gestaltet werden müssen als ein Bonus-System bei der Fluggesellschaft. Wo beim einen leere Listen gut sind, freuen wir uns beim anderen über den prallgefüllten Punktestand für den nächsten Urlaub. Hier geht es um das Entleeren, dort um das Befüllen. Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die visuelle Gestaltung. Möchte man ein Ampelsystem zur Visualisierung einsetzen, würde dies bei den beiden Anwendungen konträr funktionieren.

Und jetzt fragt mich einer noch mal nach halb voll oder halb leer… 😉

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